Die Aussendung der Zweiundsiebzig (Lukas 10,1–24)

27.04.2026

Die Aussendung der Zweiundsiebzig (Lukas 10,1–24)

Einordnung im Lukasevangelium

Der Abschnitt steht in einem entscheidenden Übergang. Lukas hat in 9,51 mit einem feierlichen Satz eine neue Phase eingeläutet: "Als sich die Tage erfüllten, dass er hinweggenommen werden sollte, richtete er sein Angesicht fest darauf, nach Jerusalem zu wandern." Damit beginnt der sogenannte Reisebericht des Lukas (Lk 9,51–19,27), in dem Jesus auf Jerusalem zugeht – und dabei in immer neuen Begegnungen das Wesen seines Reiches zeigt.

Direkt vor unserem Abschnitt stehen drei Berufungsgespräche (9,57–62), die zeigen, wie radikal die Nachfolge gemeint ist. Direkt danach folgt das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (10,25–37). Die Aussendung steht also in einem Kontext, in dem es um das Wie der Nachfolge geht: Was heißt es konkret, mit Jesus unterwegs zu sein?

Bemerkenswert ist auch: Lukas hat zwei Aussendungen. In Lk 9,1–6 sendet Jesus die Zwölf aus. In Lk 10 nun die Zweiundsiebzig. Das gibt es so bei keinem anderen Evangelisten.

Eine Vorbemerkung zur Zahl

Die Handschriften schwanken zwischen "siebzig" und "zweiundsiebzig". Beide Zahlen sind alt und gut bezeugt. Die meisten heutigen Übersetzungen entscheiden sich für zweiundsiebzig, manche behalten siebzig bei. Theologisch spielt der Unterschied eine geringere Rolle – beide Zahlen klingen denselben biblischen Hintergrund an (siehe unten).

Kultureller und religiöser Hintergrund

Warum siebzig (oder zweiundsiebzig)?

Die Zahl ist nicht zufällig gewählt. Sie ruft mehrere alttestamentliche Hintergründe gleichzeitig auf:

  • Genesis 10, die sogenannte Völkertafel, listet die Nachkommen Noahs auf. Im hebräischen Text ergibt das 70 Völker, in der griechischen Übersetzung (Septuaginta) 72. Diese Liste galt im Judentum als Inbegriff der Völkerwelt – aller Nationen der Erde.
  • Numeri 11,16–25: Mose beruft 70 Älteste, auf die Gottes Geist gelegt wird, damit sie ihm helfen, das Volk zu führen. Das ist die klassische Stelle für die "Mitarbeiterschaft" am Gottesvolk.
  • Exodus 24,1.9: 70 Älteste steigen mit Mose auf den Sinai und sehen Gott.

Wenn Jesus genau diese Zahl wählt, sendet er seine Boten symbolisch zu allen Völkern. Was jetzt in Galiläa und auf dem Weg nach Jerusalem geschieht, ist keine begrenzte regionale Sache – es ist der Beginn einer Bewegung, die der Welt gilt. Der "Herr der Ernte" (V. 2) ist nicht der Gott Israels allein, sondern der Gott aller Völker.

Boten zu zweit (V. 1)

Jesus sendet sie paarweise. Das hat handfeste Gründe:

  • Im jüdischen Recht galt das Zeugnis erst durch zwei Zeugen als rechtsgültig (Dtn 19,15).
  • Auf Reisen war Begleitung Schutz – die Straßen waren nicht sicher.
  • Mission war von Anfang an kein Solo-Unternehmen, sondern ein gemeinsamer Auftrag.

Auch die spätere Kirche behält dieses Muster bei: Petrus und Johannes (Apg 3), Paulus und Barnabas (Apg 13), Paulus und Silas (Apg 16). Christliche Sendung ist von Anfang an gemeinschaftlich gedacht, nicht heroisch-individuell.

Die Reiseausrüstung – oder eben nicht (V. 4)

"Tragt keinen Beutel, keine Tasche, keine Schuhe." Das ist absichtlich extrem. Die Anweisung will nicht ein neues Gesetz für alle Mission aufstellen, sondern ein Zeichen setzen:

  • Kein Beutel (Geldbörse): Sie sollen nicht von eigenen Mitteln leben, sondern auf Empfang angewiesen sein.
  • Keine Tasche (Reisetasche oder Bettlertasche): Sie sind weder selbstversorgte Reisende noch professionelle Bettler, die sich von Almosen finanzieren.
  • Keine (zusätzlichen) Schuhe: Die einfache Reiseausstattung wird auf das Allernötigste reduziert.
  • "Grüßt niemand auf dem Weg": Klingt unhöflich, war aber im Orient eine notwendige Anweisung – ein orientalischer Gruß konnte sich zu einer halbstündigen Unterhaltung mit Tee ausweiten. Die Sache hatte Vorrang vor der Etikette.

Der tiefere Punkt: Die Boten gehen in bewusster Verletzlichkeit. Sie können sich nicht selbst versorgen, sie sind angewiesen auf die Gastfreundschaft derer, zu denen sie gesandt werden. Es kommt nicht mit imperialer Macht und voller Reisekasse, sondern als Friedensbote, der auf Aufnahme angewiesen ist.

Das Friedenswort (V. 5–6)

"In welches Haus ihr kommt, sagt zuerst: Friede diesem Haus." Der hebräische Friedensgruß Shalom ist mehr als ein Wunsch. Im jüdischen Verständnis hat ein gesprochenes Wort, besonders ein Segenswort, performative Kraft – es bewirkt etwas. Wenn der Friede einen Adressaten findet, "ruht er auf ihm"; wenn nicht, "kehrt er zurück" (V. 6). Das ist keine Magie, aber auch nicht bloß Höflichkeit. Die Boten bringen tatsächlich etwas mit – Frieden, der von Gott her kommt –, und Häuser können diesen Frieden empfangen oder ablehnen.

Gastfreundschaft im antiken Mittelmeerraum

Reisende waren auf Gastfreundschaft angewiesen. Es gab kaum Gasthäuser im modernen Sinn, und die wenigen Unterkünfte hatten oft einen schlechten Ruf. Ein fremder Reisender, der ohne Reisemittel ankam, war existenziell auf das Aufgenommenwerden durch ein Gastgeberhaus angewiesen. Gastfreundschaft galt im jüdischen wie im hellenistischen Kontext als heilige Pflicht.

Die Anweisung "bleibt im selben Haus" (V. 7) hat zwei Seiten:

  • Sie schützt die Boten davor, sich vom einen Haus zum nächsten "hochzudienen", wenn die Aufnahme bei reicheren Gastgebern lukrativer erscheint.
  • Sie schützt das erste Gastgeberhaus vor der Schande, dass die Boten weiterziehen, als ob es nicht gut genug wäre. In einer Ehrenkultur war das eine reale Gefahr.

"Esst, was euch vorgesetzt wird" (V. 7–8)

Das ist eine bemerkenswerte Anweisung. In einer Welt, in der jüdische Speisegesetze für viele fromme Juden zentral waren, sagt Jesus seinen Boten: Macht keine Diskussion über das Essen. Wenn Jesus später durch ganz Israel und schließlich auch zu den Heiden senden wird, ist diese Haltung Vorzeichen einer Bewegung, die religiöse Trennlinien überschreitet. Lukas wird das in der Apostelgeschichte besonders bei Petrus (Apg 10) und Paulus weiter entfalten.

Das Reich Gottes ist nahe (V. 9.11)

Das zentrale Wort der Botschaft. Die Wendung "das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen" (griechisch ēngiken) ist keine Ankündigung über die ferne Zukunft, sondern die Aussage: Es ist hier, jetzt, im Wirken Jesu und seiner Boten greifbar. Heilung und Verkündigung gehören dabei zusammen – das Reich kommt nicht als Idee, sondern als Wirklichkeit, die Menschen leiblich erreicht.

Den Staub abschütteln (V. 10–12)

Eine drastische Geste. Fromme Juden, die durch heidnisches Land gereist waren, schüttelten beim Wiederbetreten Israels den Staub ab – als symbolische Reinigung. Wenn die Boten Jesu denselben Staub gegen jüdische Städte abschütteln, ist das ein scharfes Zeichen: Eine Stadt, die das Reich Gottes ablehnt, stellt sich selbst außerhalb des Bundesvolkes. Sie verhält sich, ohne es zu merken, wie die Heiden, von denen man sich sonst abgrenzt.

Die Wehe-Rufe über die Städte (V. 13–15)

Chorazin, Bethsaida und Kafarnaum waren die drei Städte, in denen Jesus den größten Teil seines galiläischen Wirkens verbracht hatte. Tyrus und Sidon waren phönizische, also heidnische Hafenstädte. Sodom war im Alten Testament der Inbegriff göttlichen Gerichts (Gen 19).

Jesu Aussage ist provokant: Selbst die heidnischen Städte – sogar Sodom! – wären zur Umkehr gekommen, wenn sie gesehen hätten, was Galiläa gesehen hat. Die Schwere des Gerichts hängt nicht vom Ruf der Stadt ab, sondern davon, was ihr anvertraut wurde. Privileg ist Verantwortung.

Diese Worte sind keine zornige Wutrede, sondern prophetische Klage. Jesus weint später über Jerusalem (Lk 19,41), und dieselbe Trauer schwingt hier mit. Es ist die Klage eines Propheten, der sieht, dass sein Volk an einem entscheidenden Moment vorbeigeht.

Die Rückkehr und der Sturz Satans (V. 17–20)

Die Boten kommen zurück und berichten begeistert: "Selbst die Dämonen sind uns untertan in deinem Namen." Jesus antwortet mit einem rätselhaften Satz: "Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen."

Mit dem Wirken Jesu und seiner Sendung der Jünger beginnt die Herrschaft Satans zu kollabieren. Nicht durch eine kosmische Schlacht, sondern durch das schlichte Geschehen, dass das Reich Gottes Raum gewinnt – Heilung um Heilung, Haus um Haus, Stadt um Stadt. Wo das Reich kommt, weichen die Mächte zurück.

Bemerkenswert ist die Pointe: Jesus dämpft die Begeisterung über die Macht ("freut euch nicht darüber") und verlagert den Grund der Freude: "freut euch, dass eure Namen im Himmel verzeichnet sind" (V. 20). Spirituelle Macht ist nicht das eigentlich Wichtige – die Zugehörigkeit zu Gott ist es. Erfolge in der Mission können selbst zur Versuchung werden.

Der Jubelruf Jesu (V. 21–22)

Lukas notiert ausdrücklich, dass Jesus "im Heiligen Geist jubelt" – das ist im Lukasevangelium eine seltene und besondere Beschreibung seiner inneren Bewegtheit.

Der Inhalt des Jubels überrascht: Jesus dankt dafür, dass das Geheimnis des Reiches den Klugen verborgen und den Unmündigen offenbart wurde. Das ist nicht Anti-Intellektualismus. Es ist die Beobachtung, dass das Reich Gottes nicht auf dem Weg religiöser oder akademischer Selbstsicherheit erreicht wird, sondern auf dem Weg von Vertrauen und Empfänglichkeit. Die "Unmündigen" hier sind die zweiundsiebzig einfachen Boten, die mit nichts losgezogen sind – und alles erlebt haben.

Vers 22 ist einer der christologisch dichtesten Sätze des Lukas: "Niemand erkennt, wer der Sohn ist, als nur der Vater, und wer der Vater ist, als nur der Sohn..." Der Vers steht dem Johannesevangelium näher als dem üblichen Lukas-Stil – ein Hinweis darauf, wie tief das gegenseitige Erkennen von Vater und Sohn schon zur frühesten Jesus-Tradition gehört.

Selig die Augen, die das sehen (V. 23–24)

Der Schluss richtet sich an die Jünger im engeren Kreis. Propheten und Könige Israels haben generationenlang darauf gewartet, dass Gott seine großen Verheißungen einlöst. Die Jünger erleben das jetzt. Lukas erzählt nicht eine Episode unter vielen, sondern den Moment, auf den Israel gewartet hat. Die Aussendung der zweiundsiebzig ist Teil dieses Augenblicks.

Theologische Schwerpunkte

Mission ist mehr als Information

Die Boten verkündigen und heilen, sie segnen und essen mit, sie bringen Frieden mit Worten und mit ihrer ganzen Existenz. Das Reich Gottes ist kein Konzept, das man weitergibt, sondern eine Wirklichkeit, in die man Menschen hineinzieht. Die Form der Sendung passt zur Botschaft – verletzlich, beziehungsorientiert, leibhaftig.

Die Mission gilt der ganzen Welt

Die Zahl 72 (oder 70) signalisiert universalen Anspruch. Was hier in Galiläa beginnt, ist programmatisch für die spätere Kirche: das Evangelium für alle Völker. Lukas wird in der Apostelgeschichte zeigen, wie diese Bewegung tatsächlich von Jerusalem bis Rom geht.

Das Reich kommt nicht mit Macht, sondern mit Frieden

Die Boten gehen "wie Schafe unter Wölfe" (V. 3). Sie sind ungeschützt, mittellos, angewiesen. Genau in dieser Form gewinnt das Reich Raum. Diese Verletzlichkeit ist kein Zufall – sie ist Vorzeichen des Kreuzes. Der König, der seine Boten so sendet, wird selbst diesen Weg gehen. Die Methode der Mission ist konsequent: Nicht Eroberung, sondern Friedensgruß.

Annahme und Ablehnung sind beide möglich

Das Gleichnis kennt zwei Ausgänge: Häuser, die den Frieden empfangen, und Städte, die ihn ablehnen. Das Evangelium erzwingt nichts. Es bietet, es lädt ein, es bringt Frieden – aber es respektiert die Freiheit der Ablehnung. Zugleich ist diese Freiheit nicht folgenlos: Wer das Reich ablehnt, lehnt nicht eine Idee ab, sondern Gott selbst.

Die wahre Freude

Die Boten kommen zurück, beeindruckt von der Macht, die sie erlebt haben. Jesus lenkt sie zurück: Das Eigentliche ist nicht Macht, sondern Zugehörigkeit. "Eure Namen sind im Himmel verzeichnet" – ein Bild aus dem Alten Testament für die Bürgerschaft im Volk Gottes (vgl. Ex 32,32; Ps 69,29; Dan 12,1). Darin steht eine bleibende Korrektur für jede christliche Bewegung, die zu sehr auf sichtbare Erfolge schielt.

Was der Abschnitt nicht sagt

Weil der Text manchmal als Manual für moderne Mission missverstanden wird, hilft eine kurze Klarstellung:

  • Es ist keine Ablehnung von Geld und Vorbereitung für alle Zeiten. Lukas selbst zeigt später (Lk 22,35–36), dass Jesus die Anweisung situationsbedingt aufhebt. Es ging um ein bestimmtes Zeichen in einer bestimmten Phase.
  • Es ist keine Anleitung, nur zu Empfänglichen zu gehen. Die Boten gehen auch in Städte, die ablehnen werden – das gehört zur Sendung dazu.
  • Es ist kein Aufruf zu spektakulären Wundern als Beweis. Heilung steht nicht im Zentrum der Werbung, sondern ist Konsequenz des nahen Reiches.
  • Der Schluss "freut euch nicht darüber" warnt ausdrücklich vor einem machtfokussierten Christentum.